Sprachstile an die Macht

Sprachstile an die Macht!

Gepostet am 17. Februar 2016 | Redakteur Michael Casagranda | Kategorie Sprache

Sprachstile an die Macht!

Sie haben es sicher schon gehört. Um die deutsche Sprache ist es schlecht bestellt – beziehungsweise lebt sie mehr denn je. Das kommt auf die Perspektive an. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie reichen von der zunehmenden Globalisierung über die Demokratisierung der Medien bis hin zum wachsenden Bedürfnis nach Differenzierung im Berufs- und Privatleben. So entstehen unterschiedliche Jargons, die zur leichteren Diffamierung gerne originell schubladisiert werden:

  • Appetite-Appeal, Mindset, Deadline -> Werber-Deutsch
  • zeitnah, zielführend, ergebnisoffen, bedarfsgerecht -> Manager-Deutsch
  • feiere dich selbst, absurd gut, performe! -> Casting-Show-Deutsch
  • softig, sensitiv, der Fluff -> Wohlfühl-Deutsch

Verzichten oder verwenden?

Auf neudeutsche Ausdrücke und Neologismen zu verzichten, hieße auf die Kraft der Sprache zu verzichten und darauf, Menschen zu erreichen und ihnen etwas über uns selbst mitzuteilen. Hieße, einen Konservatismus zu propagieren, den wir nie erfüllen können, da er nicht dem Wesen der Sprache entspricht. Sprache verändert sich laufend. Während wir sprechen gewissermaßen.

Wir sollten uns nicht der illusionären Vorstellung von sprachrassiger Reinheit hingeben. Stattdessen sollten wir uns an kreativen Wortschöpfungen, frischen Lehnwörtern und frechem Denglisch erfreuen. Uns fragen, woher die Formulierungen kommen und welche Aussagen sie über ihren Urheber zulassen. Und vor allem sollten wir sie nutzen – damit wir nicht nur Inhalte kommunizieren, sondern diesen Inhalten auch eine Farbe und eine Form geben. Und so dem Adressat verklickern, dass wir aus der hippen Jugendszene, der glossy Werbebranche oder der intellektuellen Städteplaner-Kaste kommen. Es sei denn, wir sind nicht stolz auf das, wer und was wir sind und wollen unsere Umgebung nicht überfordern, indem wir sie zwingen, sich mit Neuem, mit Anderem oder gar mit Fremdem auseinanderzusetzen.

Lehnwörter und Wortschöpfungen

Wortimporte verleihen der Sprache zudem eine gewisse globale Beweglichkeit ‒ über dieselben Gegenstände redet man international besser mit deckungsgleichen Begriffen und womöglich gar ähnlich lautenden Wörtern. So ist „aufführen“ leider kein ausreichendes Äquivalent für „performen“, „Kids“ ist nicht dasselbe wie „Kinder“ und ein „Hoodie“ ist eben keine „Joppn“. Man sieht, solche Anglizismen mit Polemik aufhalten zu wollen ist nicht nur ignorant, sondern auch dumm.

Oder das Manager-Wort „zeitnah“ – es ist ungleich philosophischer als „bald“, entsteht es doch durch die Verquickung zweier Dimensionen (der räumlichen und zeitlichen) – eine Verbindung, die man gedanklich erst einmal herstellen können muss – und es sagt darüber hinaus viel mehr aus. Natürlich muss sich das Gegenüber vorher zwei Sekunden Zeit nehmen und sich fragen: „Na sowas, warum ‚zeitnah’ und nicht einfach ‚bald’?“ Aber in diesem Moment haben wir es zum Denken angeregt und etwas über uns selbst mitgeteilt. Zum Beispiel, dass Zeit und Nähe besondere Wert für uns darstellen, weil wir eventuell einen vollen Terminkalender haben und viel geschäftlich unterwegs sind. „Bald“ hingegen ist die Absage an alles Erzählerische – es ist dafür schneller erfassbar.

Zurück zu den vielgescholtenen Anglizismen. Natürlich sind Aussagen wie „in 2016“, „damit bin ich fein“ und „das macht Sinn“ Übernahmen aus dem Englischen und teilweise tatsächlich schon gesellschaftsfähig. Ob man das gut findet oder nicht. Natürlich sollte man solche Formulierungen versuchen zu vermeiden, wenn man gerade die Statuten des regionalen Deutschlehrervereins niederschreibt und vom Obmann nicht auf die Blutwiese zitiert werden will. Die Angemessenheit der Sprache ist und bleibt eines ihrer Qualitätskriterien.

Sprachstile umarmen

Berater-Deutsch, Casting-Show-Deutsch oder Designer-Deutsch bringen niemanden um. Im Gegenteil, Wendungen aus diesen Jargons können uns weiterbringen – weil sie die Sprache erweitern. Denn sprachlicher Stillstand ist Ausdruck von geistigem Stillstand. Nur übertreiben sollte man es nicht – aber das ist bei allem so.

Silberball ist sich der Vielfalt und der Wirkung der unterschiedlichen Sprachstile bewusst. Umso größeres Augenmerk legen wir darauf und wenden sie je nach Zielgruppe einer Marke bewusst an. Das nennen manche Kommunikation auf Augenhöhe, andere ein Sakrileg – wir nennen es Wording.

Autor Felix Steininger ist Texter und Konzeptionist bei Silberball. Die Agentur für strategiche Markenberatung und Kreation verbindet die logische Welt der Beratung mit der kreativen Umsetzung in allen Unternehmensbereichen. www.silberball.com

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.